«Worauf darf Europa noch hoffen?»

Gespräch mit Ulrich Seidler

Herr Oberender, was würden Sie sagen: Befinden wir uns in einer zyklischen Krise, die das Leben so ungemütlich macht, oder sind wir in einer Phase des historischen Umbruchs?

Ich glaube, eher letzteres. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs sprechen wir von einer «Zeitenwende» und meinen damit die Systemrivalität zwischen dem Westen (also den USA), China und Russland. Die Politikziele von Trump, Putin oder Xi Jinping sind aber gar nicht so unterschiedlich. Die eigentliche Rivalität besteht zu Europa oder Kanada, also der liberalen Demokratie. Sie ist der Gegner. Diese Entwicklung ist eine Zeitenwende 2.0, und wir beginnen gerade, uns darauf einzustellen.

Entwicklung ist ein gutes Stichwort. Wir beide kommen aus der DDR, wir wissen um die Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung nach Marx und Engels. Demnach befinden wir uns in einer späten Phase des Kapitalismus. Bisherige Versuche, die Klassenunterschiede aufzulösen, den Staat absterben zu lassen und einen Schritt in Richtung Kommunismus zu gehen, waren nicht von Erfolg gekrönt. Ist es jetzt so weit?

Walter Benjamin sagte: «Der Kapitalismus stirbt; aber sehr erfolgreich.» Die USA verwandeln sich in ein poststaatliches Land, dessen Machtzentrum sich vom modernen Nationalstaat entfernt hat. Die Big-Tech-Machtelite Amerikas fühlt sich von einer CEO-geführten Herrschaft sehr angezogen, die demokratische Prozesse untergräbt und den Kapitalismus in einer extrem beschleunigten Form aufbaut. Das ist die leicht zynische Hoffnung des Akzelerationismus, egal ob von rechts oder links: dass sich der Kapitalismus durch sein inhärentes Wachstum und die technologie-getriebene Beschleunigung selbst an einen Nullpunkt navigiert, wo das System kollabiert und umschlägt in etwas ganz anderes.

Und Trump treibt diese Beschleunigung noch an. Wie ein Teufel auf dem Vulkan? Ja sicher. Keine Nachrichtensendung ohne Donald Trump. Er flutet die Nachrichtenkanäle.