«Zur Zukunft des Erinnerns»
Thomas Oberender
Fragen, die mich in meinem Vortrag bewegen: Soll man die DDR-Geschichte überhaupt noch in den Fokus stellen? Warum wollen westdeutsche Kuratoren plötzlich Ausstellungen mit DDR-Kunst machen? Warum interessiert sich der Berliner Tagesspiegel heute für die Repräsentanz von Ostdeutschen in der neuen Regierung? Wie umgehen mit der Zeitkapsel DDR? Warum wecken Objekte aus DDR-Produktion Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden das Interesse von Kunstsammlern? Warum wählt der Osten anders und warum wird dieses Misstrauen in demokratische Strukturen vom Westen scheinbar nicht verstanden? Warum sind in Ostdeutschland die Hauptinformationsquellen nicht mehr offizielle Medien wie die Tagesschau und Tageszeitungen, sondern sozial Media-Quellen wie WhatsApp-Gruppen oder Instagram? Wie wir zusammen wachsen, bleibt die Frage.
2015 sah ich in den Giardini der Biennale di Venezia die Ausstellung «United Dead Nations» von Ivan Grubanov im serbischen Pavillon. Sie verwandelte das Gebäude in ein Scheingrab für verstorbene Nationen. An den Wänden standen die Namen und Lebensdaten von 21 Ländern, die seit der Gründung der Biennale von der Landkarte verschwundenen sind, darunter das österreichisch-ungarische Kaiserreich, Jugoslawien und Tibet und auch die Republica Democratica Tedesca 1949-1990. Auf dem hellen, von Pigmenten und Chemikalien verunreinigten Marmorboden lagen die Nationalflaggen der verblichenen Staaten wie schmutzige Putzlappen, darunter auch eine DDR-Fahne. Die sterblichen Überreste dieses Landes, in dem ich aufgewachsen bin, haben in diesem Pavillon eine Art Tempel gefunden, der daran erinnert, wie wenig «für immer» ist auf den politischen Landkarten dieser Welt.
Die westdeutsche Politikergeneration von Annalena Baerbock oder Lars Klingbeil ist aufgewachsen in einem Land, das so unvergänglich erscheint wie der hohe Himmel darüber. Kontinuität bestimmt ihr Lebensgefühl. Die Abkehr vom Faschismus war die Stunde Null ihrer Gesellschaft und dies nährt bis heute die ehrliche Überzeugung, dass diese Bundesrepublik das Richtige aus der Geschichte gelernt hat. Es ist das gute Deutschland, in dem sie aufgewachsen sind, mit humanistischen Werten, einer sozial gebändigten Marktwirtschaft und den geschützten Rechten von Minderheiten. Und so fördert es die Verbesserung der Welt nach dem Beispiel, das die Bundesrepublik selbst gibt. Nichts an dieser Auffassung ist je erschüttert worden, sieht man von den Angriffen der RAF, des NSU oder den Hassreden von Björn Höcke ab.
Nie hat diese Generation eine die Erfahrung ihrer ostdeutschen Verwandten gemacht, die ihren Staat in einer tiefgreifenden Revolution verändert haben und schließlich verschwinden sahen. Oder die Erfahrung der Polen mit der Art, wie unverhandelbar die Konditionen ihres Beitritts zur EU waren. Es fehlt ihnen die Erfahrung des Umbruchs genauso wie die der Ohnmacht, des Bruchs, der Entwertung und des Aufwachens in einem anderen System, das ab jetzt für alles sorgt. Je nachdem, wo wir in Deutschland aufgewachsen sind, erinnern wir Geschichte völlig anders und bauen uns sehr unterschiedliche Gedankentheater, die zeigen, wie die Welt angeblich ist.
Als ich unlängst in einer Unterhaltung von der «ehemaligen DDR» sprach, wurde ich korrigiert, die DDR sei ehemalig. Sie ist, wofür Ivan Grubanov in Venedig ein Kenotaph baute, ein symbolisches Gemeinschaftsgrab für die jüngst verstorbenen Nationen. Heute, fünfunddreißig Jahre nach dem Verschwinden der DDR, wird auf dieses Land inzwischen anders geschaut. Bestimmte Affekte haben sich mit den Jahren gelegt, Urteile werden differenzierter gebildet. Die Dinge aus der Zeitkapsel DDR, ihre Kunstwerke, Möbel oder ihr Design, erscheinen plötzlich wie auf dem Tisch eines Flohmarktstandes – man sieht sie, wie sie sind. Weniger belastet von Polemiken, weniger wertlos oder heilig, Kram unter Kram und jeden interessiert daran etwas anderes.
Wie in der Numismatik oder Philatelie ist der Bestand der Artefakte aus der DDR-Zeit überschaubar und endlich. Da kommt nichts Neues mehr hinzu. Auch das Kapitel der Kunstgeschichte DDR wird anders betrachtet. Alles, was es in dieser Realität einmal gab, wird rar und wirkt schon deshalb für Sammler und Spezialisten interessant. Wie Schmetterlinge. Auf Ebay bildeten sich für diese Epoche eigene Hashtags heraus: #DDRKunst, #Ostalgie, #Planwirtschaft, vergleichbar mit Suchkategorien wie #WK2, oder #Kaiserreich. Wir schauen auf einen geschlossenen Bestand, nichts erwuchs daraus, das weltanschaulich Schule macht, auch wenn man von einer «Leipziger Schule» spricht.
Die Art, wie wir mit dem Verschwinden der DDR umgehen, erinnert mich daran, wie Menschen mit dem Sterben umgehen. Wenn man gehen muss, sieht man alles mit anderen Augen. Wenn es nichts mehr zu verhandeln gibt, zeigen sich die Dinge in aller Klarheit. Hugo von Hofmannsthals Stück «Jedermann» beschreibt diese Begegnung mit dem Tod im Detail. Der Sterbende möchte ein bisschen mehr Zeit erhandeln, sucht nach Begleitung auf dem Weg in den Tod, aber niemand kommt mit. Das, was wir nicht wahrhaben wollten, sehen wir ganz deutlich erst im Abschied. Und dies hat auch seine berührenden Momente. Plötzlich wirken die Stillleben des DDR-Fotografen Manfred Paul nicht mehr trist und traurig, sondern lebensvoll und schön. Plötzlich berühren Gabriele Stötzers Erfurter Keramiken und Webteppiche, die sie in ihrer Partisanenwerkstatt ohne Hoffnung auf ein Publikum und Käufer gefertigt hat. Das Leben von seinem Ende her zu betrachten, macht es sehr farbig.
Der Musicalfilm «All that Jazz» von Bob Fosse erzählte 1979 die Geschichte des exzentrischen Broadway-Regisseurs, der mit einer tödlichen Erkrankung konfrontiert ist. Ganz nebenbei popularisierte der Film die Ideen der Schweizer Psychoanalytikerin Elisabeth Kübler-Ross, die aus ihren Interviews mit Sterbenden, so der Titel ihres 1969 erschienen Buches, ein Phasenmodell des Sterbeprosesses entwickelt hatte. Leugnung, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz sind die wesentlichen Etappen dieses Prozesses, die in Fosses Film ein subtiles Schema bilden.
Und vielleicht taugt dieses Modell auch, um die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung von DDR-Kunst in Westdeutschland und Ostdeutschland zu beschreiben. Wobei die Wahrnehmung der DDR-Kunst nach 1990 im Westen und in der ehemaligen DDR sehr unterschiedlich war. Vor allem, weil die DDR-Kunst nicht nur als ästhetisches Objekt betrachtet wurde, sondern hochgradig politisiert war und auch als symbolisches Erbe gewertet wurde: mal als Ballast, mal als Schatztruhe, mal als peinliche Erinnerung, mal als zu rettendes Kulturgut.
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