«Heimat ist, was mich findet»

Thomas Oberender

Heimat ist nichts, was man sich sucht. Heimat ist etwas, das einen findet. Sie lässt sich nicht suchen wie ein Wohnort oder eine Arbeitsstelle. Sie stellt sich ein als Resonanz ganz ohne Vorsatz. Heimat ist offenbar mehr als der Lebensort, an dem ich mich zuhause oder wohl fühle. Sie ist etwas, dem man nicht entkommt. Sie ist ein inneres Regime, etwas, das in einem steckt, ohne dass man weiß, wie es hineingekommen ist. Sie ist der vertraute Geschmack eines Gerichts oder ein Dialekt, der aus einem spricht, ob man es will oder nicht. Sie schlummert in mir wie ein Virus oder Ohrwurm, den ich lieber vergessen würde. Sie ist die Erinnerung an einen Trampelpfad, der zu einer Bank auf der Lichtung führt, die ich auch Jahrzehnte später noch finde.

Schwerer, als eine Heimat zu finden, ist es, sie wieder loszuwerden. Sie kann eine Landschaft sein, die ganz woanders wiederkehrt. In allem Neuen ist sie das Vertraute. Ein Zuhause, das nicht das eigene ist, und zugleich doch. Sie ist Erinnerung mit Kraft. Sie ist ein anderes Wort für Beziehung oder eine Bindung, die unterhalb der Worte liegt. Sie ist das ganz Schwierige, wie Liebe, genauso einfach und schwer zu erklären.

Heimat ist konkret und erreicht mich durch die Sinne, durch die geteilte Zeit mit anderen, durch Musik, Gerüche und das Verstehen einer subtilen Ordnung. Folklore ist ihr kultureller Code, ein Erkennungszeichen und überlieferbares Wissen in Gestalt von Trachten, Erzählungen oder Liedern. Auf ambivalente Weise verkörpert sie Werte, die sowohl regressiv sind, am Vergangenen festhalten, wie auch inspirierend wirken und Neues schaffen. Folklore ist, was sich lernen lässt, zum Beispiel schwierige Tänze oder auf seltsame Weise zu singen und zu jodeln. Manchmal gibt es dafür praktische Gründe, man musste sich z.B. über weite Täler hinweg verständigen. Aber warum so, und nicht anders?