Elftes Gebot
Über Peter Handkes: «Schnee von gestern, Schnee von morgen»
Von Thomas Oberender
Peter Handke, 2019 unterwegs zu Fuß zu einem Kino in Paris, war einer der ersten, der den Brand der Kirche Notre-Dame zufällig bemerkte und ihm war schummrig, wie er sagt, wegen der schwefelgelben Wolken, die aus dem Dach drangen und über den Häusern schwebten und weil sie niemand sonst zu bemerken schien. Vielleicht war die Bekanntgabe, dass Peter Handke in diesem Jahr den Nobelpreis erhalten würde, schon erfolgt, vielleicht ist er einem herbeigeeilten Reporter aber auch einfach nur so aufgefallen, wie er gebannt auf das brennende Kirchendach schaute und Handke sprach ihm in die Kamera, was er beobachtet hatte. In einem Moment, da es nun jeder sehen konnte und die Flammen aus dem Dachstuhl schlugen.
In dieser zufälligen Straßenszene in Paris kristallisiert sich vielleicht Peter Handkes gesamtes Dichterleben, sein tägliches Gehen, Beobachten und Bedenken unter Menschen oder als Pilznarr im Wald. Plötzlich stand er an den Ufern der Seine selbst unter Verirrten. Ihren Wegen und Spuren widmete er viele seiner Stücke und Romane. «Wenn der Petersdom zerstört worden wäre, das hätte mir nichts bedeutet.», sagte Handke später. «Aber Notre-Dame schon. Ich weiß nicht, warum. Der Petersdom ist für mich Macht.» Nur nett war Handke nie, und ist er auch in seinem jüngsten Buch nicht.
Im Untertitel beschreibt sich das Buch als das Lautwerden eines Kreuz- und Quer-Gehenden in den Momenten seines Innehaltens. In solchen Momenten fallen Sätze wie: «Statt «Ich habe Zeit», sag: «Mir ist Zeit!», und das ist was Grundanderes als «Mir bleibt Zeit».» Auffällig oft kommt die Rede in seinem neuen Buch auf das menschliche Herz, das gefährdete. «DAS HERZ ALLER DINGE in dir und mir: Dieses Herz, es ist ohne die geringste mögliche Gegenwehr. ‚Wir Unentwegten‘? Ah, oh, ah, oh.» Es ist ein Lebensankunftsbuch, geschrieben auf der Schwelle, der definitiven, zum Tod. Leicht dahin gesprochene Sätze und Floskeln schillern plötzlich.
«Es wird schon. Oder auch nicht? Noch nicht! Nicht mehr? Nie mehr? Oder doch? Nur nichts wissen. Dann schon eher, dann und wann, Weisheiten, kleine, die können wenigstens nichts schaden.» Und von diesen kleinen Weisheiten gibt es unzählige in diesem Buch zu entdecken, vor allem aber dieses «Oder auch nicht.», das ihnen den festen Boden entzieht. «Es gibt keine andere Lösung als - ja, als was? - Weiß nicht, zum Glück.» Handke blickt auf verwandelte Weise auf Schwächen und Absurditäten, auf Schönheit, Kinder, die Natur und Ideale und entwickelt eine Welt- und Selbstwahrnehmung, die Spannungen erträgt und dabei nicht erstarrt.
Dieses «Weiß nicht, zum Glück.» bewirkt das große Glück des Lesens. Nichts belehrt, manches schockt in Handkes Sentenzen, oder bewirkt mehr als nur ein Lachen wie seine selbstgeschriebenen Tageshoroskope und Elften Gebote. Aber der Grundton des Buches lautet: «Nur nichts Dramatisieren hier und jetzt, das Drama, es ist da, es läuft längst ab, Schritt für Schritt, von vornherein.» Und zugleich: «Das Unansehnliche wird ansehnlich: Weg der Liebe.», begleitet vom «Einschleichgeräusch des ersten Morgentropfens im Laub.»
Bereits im Titel «Schnee von gestern, Schnee vom morgen» klingt der Doppelton des Buches an: Das heute Wichtige und Bewegende, scheint er zu sagen, schmilzt unter der Sonne der Zeit. Er klingt nach einem Loslassen von all den Schätzen, Ambitionen, Illusionen, die uns gerade alles bedeuten. Aus einer anderen Perspektive aber könnte der Buchtitel auch das Gegenteil meinen: Wir haben nichts, als diesen Schnee. Als Momente der Begegnung mit dem Unverhofften und der Natur, die uns anglitzert, in der wir unsere Spuren sehen und Wege ziehen.
Es ist mit vierundsiebzig Seiten ein an Umfang schmales Buch, aber klein ist es nicht. Es lässt sich schnell lesen, doch dafür immer wieder. Es ist eine Überraschung, ganz der Handke, wie er einem vertraut ist, und doch verwandelt. Schon die erste Seite erinnert an die Cut-up-Methode von William Burroughs: unverbundene Sätze, die einen Flow an plötzlichen Eingebungen erzeugt, wie sie Handke in seinen Notizbüchern sammelt, hier neu komponiert oder weitergeschrieben.
Was so geschildert nach anstrengender Lektüre klingt, erweist sich beim Lesen als das Gegenteil. Das Buch liest sich belebend und in vielen Passagen wie ein dramatischer Monolog mit viel innerer Gegenrede, vielen anregenden Begleitern und führt dann doch zu einer langen, durchgeschriebenen Passage, in der sich der Autor von der ihm im Sprechen wie Kaspar zerfallenden Sprache zurück zu den anderen schreibt.
Mindestens so wie durch das Gesagte, spricht und wirkt das Buch durch seine Form des Schreibens. Es macht sozusagen Urlaub von sich selbst, nimmt Umwege, geht über die Dörfer. Und doch hat es ein Finale, und was für eines. Schon auf Seite eins taucht die Verszeile des griechischen Dichters Dimitri Analis auf, dessen späte Lyrik Peter Handke übersetzt hat: «Wort des Dichters: ‚Die Große Kälte naht‘ - oder auch nicht.» Und dieses Handkesche «oder auch nicht» ist der geheime Herzschlag des Buches. Er wird am Ende des Buches schwächer und dann schickt Handke seinen Geher an den Rand eines Stadtwaldes, wird zu seinem Chronisten und führt ihn langsam aus seinem Leben hinaus.
Aus der Tiefe dieses Waldes winkt ihn der Ast eines Baumes in die Tiefe, über die Schwelle. «Kein Zurück! Im Innern ist nichts mehr zu bestellen, und schon gar nicht im Innersten - nichts mehr zu entdecken, was es zusammenhält - weniger als nichts.» Und dann entschwindet Handkes Geher in diesem Traumwald, wie Heiner Müller ihn in seinem vielleicht schönsten Gedicht beschrieb. Und doch verschwindet er ganz anders. Denn der Peter Handke aus Chaville lässt den Peter Handke aus Griffen in diesem Wald zwar verschwinden, aber weiterleben in der Saga vom «Fahrgast hinten zusammengekauert im allerletzten Nachtbus», der angeblich noch irgendwo gesehen wurde. Oder auch als Mitglied einer Steppenwandergruppe, wie sie am Schluss von Peter Handkes Tragödie «Immer noch Sturm» auftaucht, in einem Goldgräberdorf in Alaska, in dem ein paar Ureinwohner vom Stamm der Atabasken aufstehen und sich über die Köpfe der Touristen hinweg zuwinken, gegen die Geschichte, die Macht.
Das ist, in der Literatur, ein recht einmaliger Abschied von sich selbst. Eine Art, das Drama zu vermeiden und doch zu erzählen. Wie führt man sich selbst aus dem Leben heraus, noch bevor es die Krankheit tut? David Bowie ist dies gelungen mit seinem Album «Blackstar» und Rick Rubin hat Johnny Cash geholfen, diesen letzten Ton seines Oeuvres zu finden. Peter Handke ist noch hoffentlich lange bei uns. Wir haben nicht viele Freundinnen und Freunde im Leben, die uns auf diesem letzten Wegabschnitt die Richtung zeigen. «Elftes Gebot: Unwillkürlich beteiligt sein.» Wie vor Notre-Dame.
Berliner Zeitung, 20.11.2025