BRACK IMPERieT

Über «Hedda Gabler» von Vegard Vinge und Ida Müller im Norske Teatret Oslo, August 2022

Von Thomas Oberender

Der Besuch der Aufführung von «Hedda Gabler» begann im Foyer des Theaters mit einer Ausstellung. Sie zeigte auf Stellwänden unmittelbar vor den Türen zum Saal acht übergroße Zeichnungen, freie Versionen klassischer Filmplakate, darunter mehrere Plakate der Rambo-Serie, Rocky, Top Gun, Alien, Attack on the 50 ft. Woman, Pulp Fiction oder 81/2. Vegard Vinges mit Edding-Stiften gemalte Plakate wirken naiv und brachial und zeigen Schauspielerikonen des Mainstream-Kinos, die Inbilder der Rebellion und Andersartigkeit darstellen. Sie sind als Figuren und Denkfiguren Teil eines Privat-Pantheons von Vinge/Müller, dessen Heldinnen eine mythische Größe entwickeln. Darin sind die Künstler ihrem Autor Henrik Ibsen sehr nahe, der monumentale Stücke wie das Julian-Drama Kaiser und Galiläer schrieb, eine Wikinger-Tragödie oder ein Versepos über den religiösen Fanatiker Vikar Brand – all diese Stücke haben heroische Figuren der Geschichte neu interpretiert, bevor Ibsen in seiner späteren Schaffensphase dieses antike Heldenprofil in seinen bürgerlichen Zeitgenossen entdeckte, was ihn weltberühmt machte. Interessanter Weise sind es diese skandalträchtigen Lebenswelten der bürgerlichen Schicht aus Ibsens Spätwerk, denen seit mehr als 25 Jahren Vinge/Müller ihr gesamtes inszenatorisches Schaffen widmen. Das ist ungefähr so unwirklich, wie die Vorstellung, dass Frank Castorf nie aufgehört hätte, Fjodor Dostojewski zu inszenieren oder Jürgen Gosch nie etwas anderes als die Stücke von Tschechow aufführen wollte.

In diesem Sinne sind Vinge/Müllers Langzeit-Meditationen über Ibsens Werk ein einzigartiges Phänomen in der Theaterwelt und nutzen diese Dramen aus der kapitalistischen Gründerzeit zur Analyse des spätmodernen Kapitalismus von heute. In seinem «mythologischen» Kosmos schuf Ibsen bürgerliche Archetypen und Gegenhelden, Volksfeinde und Per Gynts und dieser Figurenkosmos wird im Werk von Vinge / Müller Jahr für Jahr größer, wovon ihre Foyer-Ausstellung Zeugnis gibt: So annonciert eine Plakat-Version von Fellinis Achteinhalb das Werk als eine Produktion von Ragnar Brovik, also einer Figur aus Ibsens Baumeister Solness. Direkt am Saaleingang und genauso auf der Website des Theaters prominent zu sehen ist eine Pulp Fiction Plakat-Variante, die den 7. Teil der Ibsen Saga von Vinge/Müller unter dem Titel General Gablers Tochter ankündigt. Das Plakat zeigt eine Diva im Bettie Page Stil, die ein eisernes Kreuz mit umgekehrtem Hakenkreuz um den Hals trägt und ein aufgeklapptes Exemplar von Hitlers Mein Kampf in den Händen hält. Daneben liegt die berühmte Pistole des Generals, mit der Hedda Gabler sich am Ende erschießen wird. Hinter ihrem nackten Gesäß kniet ein nackter Mann am Bildrand und womit er beschäftigt ist, erklärt eine Sprechblase: «Lövborg eating Heddas ass out.» Was in Ibsens Stücken latent angelegt ist, die vielen Leichen unterm Teppich, die mühsam moderierten Skandale, die in den Stücken irgendwann explodieren, eskaliert in den Aufführungen und Plakaten von Vinge/Müller bereits in der ersten Minute.