«Immersion» (Ausstellungen, Aufführungen, Diskurs 2016-2020)

Immersiv ist eine Situation, wenn ich meiner Empfindung nach nicht mehr einen Wald betrachte, sondern in ihm stehe. Dies geschieht zum Beispiel, wenn man eine VR-Brille trägt. Deshalb erzeugt Immersion, so Medientheoretiker Oliver Grau, ein Paradox, denn einerseits ist Immersion «eine Kerngröße zum Verständnis medialer Entwicklung, jedoch tritt sie erst ein, wenn das Medium unsichtbar wird.» Immersiv sind in diesem Sinne auch klassiche Konzert- oder Theatersituationen, wenn sie, genauso wie sehr affektiv wirkenden Kinofilme oder Computerspiele, die Trennung zwischen Spiel, Spielern und Zuschauern momentweise auflösen. Neue Technologien und neue Werkformen radikalisieren dieses Moment nun und schaffen tatsächlich nicht nur flüchtige, sondern stabile «Aufenthaltsmomente» in dem, was das Medium zeigt und worin es sich auf der Erlebnisebene auflöst. Im englischen Sprachgebrauch bezeichnet «immersiv» zunächst nur diese Qualität ästhetischer Vorgänge, zugleich aber auch neue Veranstaltungsformen, die von vorneherein eine Erlebnissituation schaffen, in der die Besucher selber Teil des Geschehens werden, d.h. sie stehen auf der selben Bühne und mitten im Geschehen. Ihre Präsenz spielt hierbei eine aktive, geradezu konstitutive Rolle, wenngleich es sich z.B. bei den Arbeiten von punchdrunk oder dreamthinkspeak nicht um klassisches Mitspieltheater handelt. Immersive Konzertsituationen umgeben die Hörenden im gesamten Raum mit Klang, ja, der Raum selbst wird zur totalen Bühne, genauso wie dies bei immersiven Tanz- oder Theaterstücken ist, die ihre Besucher in die eigene Realität «aufnehmen». Immersion beschreibt also das Moment des «Eintauchens» in einen Raum - fast immer sind immersive Prozesse raumschaffende, weltbildende Vorgänge. Statt den Dingen gegenüber zu stehen, entsteht eine Situaion «ohne außen», in deren Mittelpunkt der Erlebende steht. «Ein zentraler Aspekt immersiver Kunsterfahrungen ist die Verschiebung vom distanzierten Betrachten hin zur situativen Koproduktion. Gewohnte Sicherheitsabstände verschwinden, die Kunst lässt sich mehr denn je anfassen, modellieren und beeinflussen.» (Cornelius Puschke.)