«Das sanfte Gesetz»

Laudatio auf den Festivalmacher, Dramaturgen und Übersetzer Petr Štědroň

Thomas Oberender

Der Preisträger Petr Štědroň ist in der Theaterwelt eine prominente, und zugleich ungewöhnliche Persönlichkeit, denn er ist Festivaldirektor und Theaterdirektor, und beides mit großem Erfolg, obwohl sich beides selten in einer Person vereint.

Festivals sind strukturell und energetisch das Gegenteil von Stadttheatern. Festivals verdichten in ihrem Programm eine ungeheure Energie auf wenige Wochen und erzeugen eine Art Explosion. Besser gesagt: Eine Kettenreaktion, in der eine Premiere nach der anderen innerhalb weniger Tage so viel Neues, Kontroverses und Fremdartiges erzeugt, so viel Turbulenzen, Kraft und Diskurs, dass man sich diesem Feuerwerk kaum entziehen kann. Jedes Festival bewirkt etwas Irritierendes, das die Stadt in Aufregung versetzt, wie im Western der Fremde, der in die Stadt kommt und etwas Verborgenes ans Licht bringt, die alte Ordnung stört und zerstört, zumindest kurz, und dann wieder geht.

In Stadttheatern, und gemeint sind Häuser mit einem stehenden Ensemble und ganzjährigen Spielplan, verteilt sich dieselbe Energie, die Festivals freisetzen, auf eine ganze Saison, auf viele Monate kontinuierlicher Vorstellungen, Proben und Premieren, in deren Hintergrund viel Mühe darauf verwendet wird, dass das Ensemble möglichst unterschiedlichen Herausforderungen begegnet. Und so bildet sich von Stück zu Stück eine übergeordnete Erzählung des Hauses, eine dem Publikum mit der Zeit immer vertrautere Landschaft der Neugier, die man gemeinsam bereist.