«Das sanfte Gesetz»
Laudatio auf den Festivalmacher, Dramaturgen und Übersetzer Petr Štědroň
Thomas Oberender
Der Preisträger Petr Štědroň ist in der Theaterwelt eine prominente, und zugleich ungewöhnliche Persönlichkeit, denn er ist Festivaldirektor und Theaterdirektor, und beides mit großem Erfolg, obwohl sich beides selten in einer Person vereint.
Festivals sind strukturell und energetisch das Gegenteil von Stadttheatern. Festivals verdichten in ihrem Programm eine ungeheure Energie auf wenige Wochen und erzeugen eine Art Explosion. Besser gesagt: Eine Kettenreaktion, in der eine Premiere nach der anderen innerhalb weniger Tage so viel Neues, Kontroverses und Fremdartiges erzeugt, so viel Turbulenzen, Kraft und Diskurs, dass man sich diesem Feuerwerk kaum entziehen kann. Jedes Festival bewirkt etwas Irritierendes, das die Stadt in Aufregung versetzt, wie im Western der Fremde, der in die Stadt kommt und etwas Verborgenes ans Licht bringt, die alte Ordnung stört und zerstört, zumindest kurz, und dann wieder geht.
In Stadttheatern, und gemeint sind Häuser mit einem stehenden Ensemble und ganzjährigen Spielplan, verteilt sich dieselbe Energie, die Festivals freisetzen, auf eine ganze Saison, auf viele Monate kontinuierlicher Vorstellungen, Proben und Premieren, in deren Hintergrund viel Mühe darauf verwendet wird, dass das Ensemble möglichst unterschiedlichen Herausforderungen begegnet. Und so bildet sich von Stück zu Stück eine übergeordnete Erzählung des Hauses, eine dem Publikum mit der Zeit immer vertrautere Landschaft der Neugier, die man gemeinsam bereist.
Der in der St. Peter und Pauls Kirche in Görlitz mit dem CREDO-Preis ausgezeichnete Dramaturg, Festivalleiter, Hochschuldozent und Übersetzer Petr Štědroň ist beides: Ein Marathonmann des Stadttheaters und Festivalfeuerwerker, also etwas, das zwei sehr unterschiedliche Seelen in einer Brust vereint. Und vielleicht kann Petr Štědroň diese seelischen und künstlerischen Welten in sich so gut vereinen, weil er in beiden Welten nach ein und demselben Ort sucht: Man könnte ihn das Goldene Prag nennen.
1976 in Brünn geboren, studierte Petr Štědroň dort Germanistik und Kunstgeschichte, wurde Dramaturg am Mahen-Theater des dortigen Nationaltheaters, bevor er zum künstlerischen Leiter am Reduta Theater berufen wurde. Von dort wechselte er 2013 als neuer Direktor an das berühmte «Theater am Geländer», das Divadlo Na zábradlí in Prag. Schon seit 2004 arbeitete er zudem als Dramaturg für das 1996 von Pavel Kohout gegründete Theaterfestival deutscher Sprache in Prag, wurde 2009 dessen Chefdramaturg und 2021 sein künstlerischer Leiter. Seit 20 Jahren spielt Petr Štědroň also mit dem lebhaftem Festivalfeuer und dem Slow Burn des Stadttheaters, das seine Wirkung langsam entfaltet, wie fast alle wichtigen Prozesse, die unser Leben prägen.
Es ist der Slow Burn der Nachdenklichkeit, unerwarteter Schönheit und des Lachens über das Absurde, besonders in Prag, im «Theater am Geländer». Petr Štědroňs Intendanz verbindet literarische Adaptionen, dokumentarische Formen und radikale Klassikerlektüren mit zeitgenössischen Themen und freier Szene und genau das harmoniert ausgesprochen gut mit der Geschichte dieses «Theaters am Geländer», das seit 1958, wie Name sagt, Halt geben will - dem Einzelnen, nicht dem Staat oder einer Nation. Aus dieser Haltung spricht das Credo von Petr Štědroňs Prager Programmen.
Warum Prager Programmen? Nun, weil Prag eine Welt aus vielen Welten war und ist. 1918 wurde aus dem Provinzzentrum der Habsburger Monarchie die junge Hauptstadt eines demokratischen Staates, der zugleich von einer tschechischen Nationalkultur geprägt war, von deutschsprachiger Literatur, jüdischem Geistesleben, der musikalischen Tradition Böhmens und internationalen Avantgarden. Es war Prags «goldenes Zeitalter», wenn auch ohne allzu viel Harmonie, mit starken nationalen Spannungen, doch kulturell war die Stadt so vielschichtig wie wahrscheinlich keine andere in Europa. So entstand eine Prager Moderne, die sich im «Prager Kreis» um Franz Kafka, Franz Werfel, Max Brod oder Egon Erwin Kisch zeigte, in den neuartigen Opern von Leoš Janáček, dem Theater der Gebrüder Čapek oder der kubistischen Architektur Josef Gočár.
An diese Prager Moderne knüpfen die Theaterspielpläne ohne Kanon von Petr Štědroň an und genauso seine Arbeit als Festivalintendant. Deutschsprachiges Theater in Prag zu zeigen, heißt für ihn nicht, Deutschland oder die deutsche Sprache zu feiern, sondern an die kulturell vielfältige Geschichte der Stadt Prag vor dem zweiten Weltkrieg anzuknüpfen. Nach dem Reichstagsbrand wurde das moderne, demokratische Prag 1933 zur ersten Exilstation für Dichter wie Bertolt Brecht, Stefan Heym, Heinrich Mann oder Oskar Maria Graf und blieb es bis zur doppelten Zerstörung dieses Prags: 1939 durch deutsche Besatzung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, und danach durch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach 1945.
Danke, Pavel Kohout, danke Jitka Jílková und Petr Štědroň, dass Sie - vor diesem Hintergrund - an ein anderes, fruchtbares Kapitel der Prager Geschichte anknüpfen, und Inszenierungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg wieder einladen. Das Goldene Prag war keine Epoche des Konsenses, sondern der produktiven Vielfalt. Seine Bedeutung erwuchs nicht daraus, dass alle dieselbe Sprache sprachen oder an denselben Gott glaubten, sondern einander zuhörten. Heute erinnert uns dieses Prag daran, dass Mehrsprachigkeit kein Problem, sondern Europas Ursprung ist. Viele Autoren des «Prager Kreises» waren deutschsprachige Juden. Sie gehörten weder ganz zur deutschen noch ganz zur tschechischen Mehrheitsgesellschaft. Gerade aus dieser Zwischenstellung entstand ihre besondere Sensibilität. Nationalisten bevorzugen eindeutige Positionierungen und Geschichten, Kultur aber lebt von Mehrdeutigkeit, von Ambiguität. Gefährlich ist für Europa heute vielleicht weniger das partielle Vergessen als die nationalistische Vereinfachung seiner Geschichte.
Doch wie erzählt man Erinnerungen, ohne sie auf Linie zu bringen, schlüssig zu machen, ihr das Widerstreitende zu nehmen oder sie auszukühlen. Petr Štědroň übersetzte 2021 Peter Handkes Text «Zdeněk Adamec», in dessen Zentrum ein 18-jährige Schüler steht, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergossen und selbst angezündet hat. Handkes Text versammelt verschiedene Stimmen über Adamec, gibt plausible Erklärungen und verwirft sie wieder. Unbegreiflich bleiben die Beweggründe. Petr Štědroň hat diesen Text für die Prager Erstaufführung mit Handkes Sprechstück «Selbstbezichtigung» kombiniert. In ihm wird das Sprechen über die Welt selbst zur Welt – alles ist Sprache, aus der Matrix der Worte gibt es kein Entkommen, außerhalb gibt es nichts Reales, kein Ich, kein Selbst.
Auf die Idee, Handkes Text über die Selbstauslöschung des Zdeněk Adamec mit seiner Selbstbezichtigung zu verbinden, kommen wenige Menschen. Diese Idee, im Wortsinn, die Fähigkeit, die tiefere Gestalt oder Urbild beider Texte zu erkennen und ihr Zusammenspiel zu erkennen, zeigt die große künstlerische Intelligenz und literarische Bildung von Petr Štědroň. Warum sich Zdeněk Adamec 2003 auf dem Wenzelsplatz verbrannte, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass der Wenzelsplatz kein neutraler Ort ist - er ist ein Gedächtnisraum Europas. Jan Pallach verbrannte sich hier 1969, um gegen die sowjetischen Panzer zu demonstrieren; die großen Demonstrationen der samtenen Revolution von 1989 ereigneten sich hier, und hier kreuzte sich die tschechische und europäische Geschichte. Wer ein solches Stück auf den Prager Spielplan nimmt und übersetzt, ist mutig. Weil er Geschichte und das menschliche Leben nicht vereinfacht und als bloße Funktion begreift.
Nach Adalbert Stifter wird die Welt wird nicht durch große Helden oder Katastrophen zusammengehalten, sondern durch zahllose kleine Handlungen der Geduld, Wahrhaftigkeit und Rücksicht. Er nannte dies das «sanfte Gesetz». Die Lausitz ist in Deutschland die letzte Landschaft, in der eine alte slawische Schicht Mitteleuropas noch lebendig ist und nicht nur erinnert wird, sondern spricht. Wie würde Petr Štědroň ein Festival in der Lausitz organisieren? Würden wir in diesem Festival auch Texte in sorbischer Sprache und sorbische Musik hören? Wie zu, ja welcher, goldenen Zeit Mitteleuropas? Was möchte ein Festival, das aus Mitteln des Fonds für Strukturwandel finanziert wird, hier ändern? Was könnte es von Petr Štědroň lernen?
Ich spreche als jemand, der in der DDR aufgewachsen ist und sowjetische Militärhubschrauber in jenen Cottbusser Flugzeughallen repariert hat, in denen das Lausitz-Festival dieses Jahr Shakespeares «Hamlet» zeigt. Ich gehöre zu einer Generation, die geglaubt hat, Mauern seien Geschichte. Aber sie kehren zurück. Nicht aus Beton, sondern sie entstehen in einer gefährlich einseitigen Art, uns zu erinnern. Identitätspolitik verengt unsere Erinnerung, reduziert sie auf die Geschichte einer Nation oder Opfergruppe.
Nicht so beim Prager Theaterfestival deutscher Sprache. Es folgt Stifters sanften Gesetz, baut Brücken, nimmt Rücksicht, hat Geduld. Mit seinem Josef-Balvín-Preises zeichnet es seit 2007 die beste Inszenierung eines deutschsprachigen Textes durch tschechische Theatermacher aus. Das Festival prämiert also keinen Import deutscher Kultur nach Prag, sondern einen Akt der Übersetzung. Und vice versa prämiert der neu geschaffene CREDO Preis des Lausitz Festivals einen Prager Theatermacher, bei dessen Festival es noch vor wenigen Monaten mit einer Ausstellung zu Gast war. Die Beziehungen haben sich verändert: Nicht mehr Deutschland zeigt sich in Tschechien oder Tschechien in Deutschland, sondern beide helfen mit, einen europäischen Kulturraum zu kreieren. Europa wird nicht an seinen Grenzen verteidigt, sondern in seiner Kultur, seinen Theatern. Theatern, wie sie Petr Štědroň prägt, machen die Geschichte nicht einfacher, sondern vollständiger. Wie auf dem Wenzelsplatz. Wir können die Wunde, die Zdeněk Adamec hinterließ, mit keiner Antwort schließen. Sie offen zu halten, das ist Petr Štědroňs Prager Programm, sein Credo, für das er den gleichnamigen CREDO-Preis erhielt.
(Gehalten anläßlich der Verleihung des CREDO Preises, Lausitz Festival, St. Peter und Paul, Görlitz, 25.8.2026)