«Man kann es nicht planen, aber Zufall ist es nicht.»

Erinnerung an Dieter Sturm

Thomas Oberender

Dass das eigene, selbstbestimmte Denken einen Menschen ernährt, ist im sogenannten Berufsleben ein seltenes Glück. Akademiker kennen es, Philosophen, Mathematiker oder Programmierer, und auch Dieter Sturm war kein Universalgelehrter im luftleeren Raum. Er studierte in Berlin Germanistik, Ethnologie und alte Geschichte und bevor er an ein Theater ging, mit ungefähr 60 Jahren wurde er Dramaturg am Deutsche Theater, gründete er lieber in Westberlin mit ein paar Mitstreitern ein eigenes. Das war 1962, und sie nannten es die Schaubühne am Halleschen Ufer.

Fortan gab er dem Beruf des Dramaturgen, der im künstlerischen Bereich des Theaters der einzige akademische ist, ein anderes Profil: In ihm kristallisierte sich ein permanenter und kollektiver Verständigungsprozess über Stücke, historische Zusammenhänge und Arbeitshaltungen innerhalb des Ensembles, d.h. er war in die künstlerische Arbeit eingebettet, kein Hinterzimmergeschehen, sondern vor allen und mit allen. So wurde Sturm bis nach Skandinavien zu einem frühen, rollenprägenden Beispiel eines Dramaturgen, der Teil des künstlerischen Teams und Prozesses war.

Alexander Weigel und Carl Hegemann wurden später zu vergleichbaren Figuren eines eigenwilligen und einflussreichen Denkens im Theater, in dem es nie nur um Theater ging, und das zu einem mitlaufenden Bestandteil der künstlerischen Kreation wurde. Diese Dramaturgen empfanden die Realität eines tatsächlichen Ensembles als das eigentliche Kunstwerk, da dessen Zustandekommen, wie Dieter Sturm einmal in einem gemeinsamen Interview sagte, nichts ist, das man planen kann, da es auf glückliche Umstände angewiesen sei, obgleich es auch kein Zufall ist. Als Dramaturgen prägten sie einen fruchtbaren Innenraum der Gedanken und Experimente, von dem nach außen überraschende Aufführungen traten, und sie begleitende Publikationen und Programmbücher, die diese internen, quellenreichen Prozesse der Öffentlichkeit zugänglich machten.

Als Student kaufte ich diese Programmbücher von Dieter Sturm, auch wenn die Aufführungen längst nicht mehr im Spielplan waren. Auch sie waren vom künstlerischen Geist der Inszenierungen geprägt und Lesebücher einer intellektuellen Reise durch die Welt der Stücke. Für Dieter Sturm war das Anziehende an den historischen Texten ihre Existenz als Zeitkapsel, als fremdes, abgeschlossenes Werk, in dem die Geschichte, genauer noch, die Beziehungen von Menschen zu Menschen, Muster bilden, die wir befragen können. Wir können sogar spielend in sie eintreten und das ist, was das Theater wahrscheinlich von allen anderen Künsten unterscheidet. Man kann sich in diesen Mustern bewegen, in denen jedes Wort feststeht, nicht aber ihre Bedeutung.

So entsteht in den Aufführungen und auch in den sie begleitenden Publikationen jener besondere Spiegel, in dem wir unsere eigene Aktualität neu zu betrachten lernen. Dem Blick in diesen Spiegel widmete Dieter Sturm sein Leben. Und er wollte in diesen Spiegel nie nur alleine schauen. Als obsessiver Leser brauchte er Zurückgezogenheit. Immer, wenn wir uns trafen, und das taten wir Mitte der Neunziger für einige Jahre immer donnerstags, in seinem Stammlokal «Kastanie», war ein obligatorischer Bücherbeutel sein Begleiter und lag meistens ein Stapel Bücher auf dem Tisch. Daneben das hohe Wasserglas mit den braunen Tropfen, die ihn in der seelischen Balance hielten. Sie halfen ihm, sein Wissen weiterzugeben, wie Tropfen in die Gemüter anderer Menschen, die dadurch Fragen an sich selbst und ihre Arbeit stellten, die so etwas wie eine gemeinsame Basis schufen, nicht als etwas Statisches, sondern als ein stetes Bemühen, seine Skrupel nicht zu verlieren.

In seinem Stammlokal verwickelte er mich neugierig und hartnäckig in Gespräche über meine Arbeit, Kinofilme oder die Spezialgebiete der Antiquariate des Prenzlauer Bergs, die wir später auch gemeinsam besuchten, obgleich wir über das erste gar nicht hinauskamen. Sein Interesse hatte etwas Menschenfreundliches, war aber auch unerbittlich. 1999, als das Deutsche Theater, an dem er inzwischen arbeitete, von Kürzungen bedroht war, bat er mich, ein Interview mit ihm zu führen. Es sollte verschriftlicht werden und daraus ein Text entstehen, der den Programmheften beigelegt würde.

Wir trafen uns zehn Uhr abends in seinem Büro im Deutschen Theater. Als ich das Aufnahmegerät aufstelle, war Dieter Sturm über sein kompaktes Format höchst erstaunt. So wird wohl, sagte er, der nächste Krieg stattfinden – mit tödlichen Waffen im Zigarettenschachtelformat. Dann wurde Herr Sturm verkabelt. Und als er zu sprechen begann, ahnte ich nicht, dass unser nie veröffentlichtes Gespräch mehr oder minder ein Monolog von beinahe zwei Stunden Dauer werden würde. In den ersten Minuten waren seine Augen noch geöffnet, sie richteten sich auf nichts Bestimmtes, sondern suchten nach innerer Sammlung, die er erst fand, als er sie schloss.

Je räumlicher die Gebilde seiner Sätze wurden, desto unmöglicher schien es, ihn auf diesem Gedankenweg zu unterbrechen. Die strikte Verweigerung von endgültiger Fixierung seiner Mitteilungen, wie sie das Schreiben unvermeidlich nach sich zieht, versucht Dieter Sturm sprechend zu entgehen. Sobald das Band lief, verfertigte er seine Rede wie ein Künstler sein Werk. Das Theater, sagte Dieter Sturm, verbrennt den Text im Verhalten einer Gruppe von Menschen, und rettet ihn, als Flamme. Gleiches ließe sich über ihn sagen, der dem Begleiten und Beobachtung der Schauspieler und Regisseure einen großen Teil seines Lebens gewidmet hat.

Während ich ihm nun zuhörte, von seinen geschlossenen Augen seltsam allein im Raum zurück gelassen, merkte ich, dass er sich bemühte, mit leicht vor gereckten Kinn möglichst nahe in das kleine Mikrofon am Pulloverkragen zu sprechen, bis sein Mund vor Worten trocken wurde, die Zunge klebte, doch er wollte nicht aufhören, bis die unverzichtbare Wendung gefunden und der Ton am Boden war, Pause, Wasserglas, Augenöffnen. Ein kurzer Blick auf die acht Wasserflaschen auf dem Fenstersims und für mich das unausgesprochene Zeichen, eine Frage zu stellen. Ihn einfach zu unterbrechen, das wäre gewesen, als würde man mitten in einer Gruppe meditierender Menschen beginnen, ein Lied zu pfeifen.

Sein Sprechen erlebte ich eher wie ein Besprechen, im magischen Sinne. Als könne es schier durch die Kraft seiner äußersten Konzentration jede Krankheit verschwinden lassen. Und vielleicht war dem auch so. Ich hoffe, unser Gespräch wird an anderer Stelle zu lesen sein. Entgegen seinem Ratschlag, nicht ans Theater zu gehen, das viel zu schnell und leicht Belohnungen gewährt, die man als Autor nicht nie erfährt, wurde ich dann doch für ein paar Jahre Dramaturg. Was mein Schreiben, wie er es voraussah, auf Eis gelegt hat. Aber die Art, in der ich am Theater wirkte, war von den Gesprächen mit ihm tief geprägt. Und irgendwann ließen wir auch wieder los voneinander. Dafür, dass er nie ganz gesund war, ist er sehr alt geworden. Und dafür, dass er «Der Geheime» blieb, als den ihn Botho Strauß in einem Essay portraitierte, wurde er sehr berühmt.