«An der inneren Front»

Wie die Engel der Geschichte 2026 in Venedig den deutschen Pavillon stürmen. 

Thomas Oberender

Wenn man heute durch das weitläufige Gelände der Giardini der Venediger Biennale läuft, in denen sich die großen Länderpavillons der Biennale befinden, kann man sich kaum vorstellen, dass diese idyllische Parkanlage am östlichen Rand der Lagune nicht schon immer die grüne Lunge der Inselstadt war, sondern einst ein mittelalterlicher Stadtteil mit verwinkelten Gassen, Klosteranlagen, Werkstätten und Wohnhäusern. Nach dem Sieg der Truppen Napoleons, die der Republik Venedig 1797 ein Ende setzten, wurde der kirchliche Besitz verstaatlicht und französische Stadtplaner begannen, in Lagunenstadt Platz zu schaffen für einen großen, öffentlichen Park nach Pariser Vorbild, um Venedig zu modernisieren und repräsentativer zu gestalten.

Ohne diese «napoleonischen Gärten», für die man die alte Stadt beiseite räumte, gäbe es wahrscheinlich keine Biennale in Venedig. Bald nach ihrer Gründung 1898 wurden hier die ersten Länderpavillons errichtet und die hundert Jahre zuvor künstlich erschaffene Natur diente diesem künstlerischen Projekt als Bühne. Das Erlebnis von Kunst sollte an diesem Ort als bewusster Gegensatz zum Besuch traditioneller Museen gestaltet werden und man plante daher kleine Tempelbauten für die Kunst der Nationen, zwischen denen die Besucher flanieren sollten. Einer der ersten Länderpavillons, die hier errichtet wurden, war der 1909 eröffnete deutsche Pavillon, damals noch im wilhelminischen Stil.

Bis heute zwingt der deutsche Pavillon, der 1938 von Ernst Haiger zu einem monumentalen, neoklassizistischen Gebäude im Stil des Nationalsozialismus umgeformt wurde, alle Künstlerinnen und Künstler auf je eigene Weise auf diesen Ort zu reagieren. Die Verbindung von Kunst und einer eigenen Lesart der Nation ist in Venedig bis heute unlösbar. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden im deutschen Pavillon daher oft spektakuläre Beiträge und so ist es auch diesmal, wenn auch anders, als erwartet. Denn plötzlich ist der deutsche Pavillon scheinbar verschwunden und sein Schriftzug GERMANIA wird überdeckt von einer das gesamte Gebäude umhüllenden Scheinfassade aus vier Millionen Mosaiksteinen, die ein anderes Gebäude an diese Stelle zaubern.