«Abschied vom Gestern»
Die DDR ist ehemalig, und die alte Bundesrepublik auch.
2015 sah ich in den Giardini der Biennale di Venezia im serbischen Pavillon die Ausstellung «United Dead Nations» von Ivan Grubanov. An den Wänden standen die Namen und Lebensdaten von 21 Ländern, die seit der Gründung der Biennale bis zu ihrer aktuellen Ausgabe von der Landkarte verschwundenen sind, darunter das österreichisch-ungarische Kaiserreich, Jugoslawien und Tibet und auch die Republica Democratica Tedesca 1949-1990. Auf dem hellen, von Pigmenten und Chemikalien verfärbten Marmorboden lagen die Nationalflaggen der verblichenen Staaten wie schmutzige Putzlappen, darunter eine DDR-Fahne. Die sterblichen Überreste dieses Landes, in dem ich aufgewachsen bin, haben in diesem Pavillon einen Friedhofstempel gefunden, der daran erinnert, wie wenig «für immer» ist auf den politischen Landkarten.
Meine Großmutter, noch geboren im Deutschen Kaiserreich, hat, von der Weimarer Republik über das nationalsozialistische Deutschland und die DDR bis zur Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik 1990 in vier Ländern gelebt, ohne je ihre Geburtsstadt zu verlassen. Fast vier Jahrzehnte nach der Öffnung der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung sind die Erfahrungen mit Kontinuität und Umbruch in Deutschland noch immer sehr unterschiedlich. Je nachdem, wo wir in Deutschland aufgewachsen sind, erinnern wir Geschichte völlig anders. In den neuen Bundesländern gab es eine Erfahrung von Revolution, Bruch und völligem Neuanfang, die den Blick auf die DDR verändert hat und zugleich auch den Blick auf die Bundesrepublik, von deren System sie durch den Beitritt 1990 adoptiert wurde.
Die Berliner Republik und deren politisches, wirtschaftliches und soziales System blieb von diesem Beitritt nahezu unberührt. Spätestens mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump entsteht nun auch im wiedervereinten Deutschland eine ähnliche Erfahrung von abrupter Neuorientierung, ein gesellschaftlich breites Wendebewusstsein und ein anderer Blick auf die eigene, jüngere Geschichte. Dies vereinigt das wiedervereinigte Deutschland auf eine tiefere, nicht geplante Weise. In bestimmten Gesten, die nun von Trumps Weißen Haus in Richtung Europa gesendet werden, schwingt das Echo früherer Gesten Westeuropas in Richtung Osteuropa mit, ohne dass uns dies bislang aufgefallen wäre. Die Art, wie der Beitritt von Ländern wie Ungarn oder Polen in die EU verhandelt wurde, ohne dass dabei wirklich etwas zur Verhandlung stand, genau so wenig wie beim Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, weckt alte Erinnerungen, obgleich die Vorgänge und Herausforderungen sehr aktuell sind und deutlich machen, wie sehr sich der Blick auf die Geschichte der DDR und Wiedervereinigung inzwischen verändert, differenziert und versachlicht hat. Vielleicht gelingt uns dies auch angesichts des aktuellen Abschieds von gestern, der nun viel stärker die Mehrheitsgesellschaft der Bundesrepublik betrifft, die in den alten Bundesländern vor allem von einer Erfahrung der Kontinuität, der Souveränität und eigenen Vorbildhaftigkeit ausging.
Der kollektive Abschied vom Gestern, so glaube ich, hat ähnliche Phasen wie das persönliche Sterben eines Menschen. Und so, wie sich dieser Prozess im individuellen Sterben über mehrere Stadien vollzieht, ereignet er sich, spiegelbildlich, auch kollektiv im Leben der Weiterlebenden, deren Abschied von dem Verstorbenen ebenfalls verschiedene Etappen durchläuft, vom Schock über die des, Haderns, der Verhandlung, Depression und der Neubetrachtung des Vergangenen, das in eine andere Form von Gegenwart und ein sich wandelndes Selbstbild mündet.
Als ich unlängst den Film «All that Jazz» von Bob Fosse wieder sah, dachte ich, dass das Prozessschema des menschlichen Sterbens, das die Lebensgeschichte des Filmhelden John Gideon prägt, recht gut die emotionalen Etappen der deutschen Wiedervereinigung beschreibt. Die Filmhandlung von «All that Jazz» wurde inspiriert von einem fünfstufigen Schema, das die Schweizer Psychologin Elisabeth Kübler-Ross Ende der sechziger Jahre in Interviews mit Sterbenden entdeckte. In all den individuellen Prozessen des Sterbens schien sich ein abstraktes Muster der Begegnung mit dem Tod zu wiederholen: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Es wiederholt sich, denke ich, in einer spiegelverkehrten Weise im Leben derer, die mit dem Verlust umgehen müssen.
Es ist das Schema eines Sterbens nach dem Tod, denn es betrifft das Sterben jenes Bildes, das die Lebenden vom Toten hatten. Und damit ändert sich ihr Bild von sich selbst und der eigenen Beziehung zum Verstorbenen. Es ist die Geschichte des Abschieds vom Gestern, wie er sich im Leben derer ereignet, die weiterleben und in «All that Jazz» nicht gezeigt werden. Es ist unsere Geschichte.
1990 lag die Flagge der untergegangenen DDR als Putzlappen im Atelier der Geschichte. Es war vorbei mit ihr, und zugleich auch nicht. Die DDR war am Tag der Unterzeichnung des Einheitsvertrags nicht einfach weg, sondern es begann ein bis heute andauernder Weg des Abschieds nach dem Tod. Der Untergang der DDR vollzog sich so plötzlich wie ein politischer Schlaganfall. Trotzdem rumort heute noch ein Gefühl von Westalgie und Oststolz, obgleich wir längst nicht mehr im Zeitalter eines Ost-West-Konflikts leben. Doch scheinbar kennt die Geschichte keine sauberen Schnitte. Auch der Faschismus war nicht vorbei, als die rote Fahne auf dem zerschossenen Reichstag gehisst wurde. Im Sterben wird eine Form von Gewalt spürbar, die keinem Ruhe lässt, weder dem Sterbenden, noch denen, die weiterleben. Es ist eine tiefe Transformationserfahrung, vor dem Tod und nach ihm.
Entsprechend des Schemas von Kübler-Ross begann das Sterben der DDR mit der Leugnung der Massenflucht der eigenen Bürger über Prag und Ungarn durch die eigene Nomenklatura, mit deren Schock über die Demonstrationen in Leipzig und Berlin, der Weigerung Gorbatschows, Panzer gegen die Protestierenden zu schicken, mit den erzwungenen Versuchen der SED, mit der Opposition zu verhandeln, sich mit der Bürgerbewegung, Experten und der Kirche an Runde Tische zu setzen, Erich Honecker zu demissionieren, neue Parteien, Medien und Wahlen zu erlauben, und schließlich in einer Übersprungshandlung sogar die Mauer zu öffnen. Der Osten konnte zum Westen werden und die knappe Mehrheit wollte das. Mit der Maueröffnung übernahm Helmut Kohl die Initiative und sein «10-Punkte-Plan» versprach den Bürgern der DDR, auch sie würden schnell wieder «great again».
Als ich unlängst in einer Unterhaltung von der «ehemaligen DDR» sprach, wurde ich korrigiert, die DDR sei ehemalig. Sie ist, wofür Ivan Grubanov in Venedig ein Kenotaph gebaut hat. Fast vierzig Jahre später erlebt nun die alte Bundesrepublik in Trumps zweiter Amtszeit, wie fragil und zu Teilen fiktiv ihr bisheriges Selbstbild inzwischen ist. Die späte DDR war Ende der 80er Jahre ein Kulissenstaat. Man las ihre offiziellen Nachrichten mit Misstrauen und als Code einer Macht, der die eigene Wirklichkeit abhandengekommen war. Genauso, wie ihr im Zuge von Gorbatschows Reformpolitik von Glasnost und Perestroika ihr großer Bruder in der Sowjetunion abhandenkam.
Doch auch das Amerika, von dem die alten Bundesländer nach dem zweiten Weltkrieg politisch beatmet, kulturell geprägt und wirtschaftlich gestärkt wurden, ist seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus nicht mehr der große Bruder, wie man ihn kannte. Er verschwand beinahe so schnell wie der große Bruder im Osten, als Michael Gorbatschow die Sowjetunion aus dem Stalinismus führte. Mit diesem Wandel der Sowjetunion verschwand der Garant der alten DDR. Auch die Sowjetunion zog damals weiter, wie Trumps Amerika heute. Nun ist auch die alte Bundesrepublik eine ehemalige.
Geschichte vollzieht sich nicht in Schnitten, sondern wahrscheinlich eher in gleitenden Wendepunkten und einem kontinuierlichen Morphing ihrer Gestalt. Das Alte ist nie ganz weg. Es mischt sich ein in etwas Neues, das ein frisches Gesicht zeigt und auch dieses wieder einschmilzt in ein anderes. Bewertungen verändern sich, bislang Übersehenes strömt in sie ein, ändert unsere Sichtweisen, auch die von uns selbst. Der Umgang mit der Kunst aus der DDR ist dafür ein Beispiel, genauso wie unsere Betrachtung von außereuropäischer Kunst, der Kunst von Frauen oder den Sammlungsbeständen aus der Kolonialzeit.
Zum Sterben nach dem Tod zählt die Phase des Schocks, als Kunst aus der DDR zunächst nur als Altlast erschien, ästhetisch verspätet und ideologisch kontaminiert. Ein Sonderweg der deutschen Geschichte, dessen Bilder, Musik und Bücher in die Depots wanderten oder vermüllt wurden. Eine Künstlerin wie Gabriele Stötzer musste die ersten 20 Jahre nach der Wiedervereinigung einfach nur überleben, verschwand aus der Öffentlichkeit und zog nach Utrecht. Eine Künstlerin wie Ruth Rehfeld, in gewisser Hinsicht eine Schwester von Hanne Darboven, verstarb darüber, bis ihr Werk neu betrachtet wurde, gleiches gilt für Hans Glöckner, den Studienkollegen von Gerhard Richter, und die Liste ist lang und inzwischen erfreulicherweise offen.
Denn dieses Sterben nach dem Tod im Leben der Weiterlebenden hat weitere Phasen durchlebt, wurde neu verhandelt, erhielt Anschluss an internationale Diskurse des Feminismus und Postkolonialismus und hat die Wahrnehmung von ostdeutscher Geschichte und Kunst poröser gemacht, auch für Westdeutsche und hat über die Phasen von Leugnung, Zorn, Verhandlung und Depression zu einer Akzeptanz dieser anderen Erfahrungen von Geschichte geführt. Es ist ein Prozess, durch den wir in Ost- und Westdeutschland in den letzten Jahrzehnten gemeinsam gingen. Auch im Hinblick auf das Unvorhergesehene, das zu politischen Herausforderungen führte. Die ad hoc geschehenen Aufnahme von 327.000 Flüchtlingen aus Syrien, der Einbruch der Corona-Pandemie, der Gründung der AfD in Köln und ihr rasanter Aufstieg, der Ukrainekrieg mit seiner Zeitenwende und schließlich die Verwandlung der transatlantischen Brücke zu einer Mautstrecke, für die Donald Trump Zölle erhebt, all das hat, innerhalb des wiedervereinten Deutschlands, unsere Selbstwahrnehmung stark verändert.
Mit J.D. Vance Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 erlebten wir einen Schock, der den deutschen und europäischen Politikern offensichtlich ins Gesicht geschrieben stand. Der große Bruder USA hat sich auf dieser Konferenz verabschiedet und machte klar, Amerika zieht weiter. Vance sprach so deutlich und alternativlos wie die Treuhand zu den Ostdeutschen. Es spielt keine Rolle, was wir dazu sagen. Der Westen, jene siegreiche Allianz am Ende der Geschichte, das in den neunziger Jahren mit dem Untergang der Sowjetunion gekommen zu sein schien, ist nun auch ein ehemaliger. Trumps Amerika hat ihn verlassen. Zu Europa und Deutschland verhält sich Trump wie Westdeutschland 1989/90 zur DDR oder Westeuropa zu Osteuropa.
Trump und J.D. Vance führten uns bei ihrer öffentlichen Zurechtweisung von Wolodymyr Selenski im Weißen Haus vor, dass wir die armen Verwandten sind. Sie ließen Selenski spüren, dass das Weiße Haus Dankbarkeit erwartet. Und als jemand, der die Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik erlebte und im Rückspiegel betrachtet, kommt mir das bekannt vor. Nichts von dem, was in der DDR als eine Errungenschaft galt, hatte in ihren Augen irgendeinen Wert. Die alte Bundesrepublik lebte einfach ohne all das weiter, und sogar besser. Genauso macht Trump das nun mit uns.
Als der große Bruder in Moskau 1989 seine schützende und steuernde Hand über der DDR zurückzog und ihr Schicksal in deren eigene Hände legte, entstand in einem historischen Interim ein historisch einmalig offener Raum, in dem dieses Noch-Land einen eigenen Traum von sich entwickelte. Diese kurze Phase der Würde haben wir wenig genutzt. Bis heute wirkt die alte Schulbuchlesart der DDR als Land der Stasi und Schande nach, auch wenn sich im gesamtgesellschaftlichen Diskurs ihr Bild im Sterben nach dem Tod differenziert hat. Doch spätestens seit Trumps zweiter Amtszeit ist klar, dass wir unser liberales Gesellschaftsmodell selber retten müssen, ohne großen und steuernden Bruder, und dass unsere Transformation eine andere, aber genauso tiefgreifende sein muss. Und wie in diesem historischen Interim des Noch-Staates DDR von 1989/90 befinden wir uns wieder in einem historisch völlig offenen Raum, der erfordert, dass wir wach sind und zugleich träumen.
Michael Gorbatschows Orakelspruch an Erich Honecker: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.», wirkt heute überraschend frisch. Dass die alte Bundesrepublik innenpolitisch und geopolitisch eine ehemalige ist, sieht sie noch nicht so. Oder sie sieht es, aber weiß sich nicht zu helfen. Die «Zeitenwende» erschien zunächst als etwas, das von außen kommt, durch Putins Krieg. Doch nach J.D. Vance Münchner Rede blicken wir ganz anders auf uns selbst. Wir bilden Sondervermögen, die wenig vermögen. Wir reparieren und limitieren, statt uns zu öffnen oder zu verändern. Und doch sind wir auf dem Weg, die Welt zu sehen, wie sie ist. Was sich ändert, geschieht am Parteiensystem vorbei, wie 1989. Auf der lokalen Ebene der Politik, in Unternehmen, Bewegungen, Vibe Shift als neue Art von Vernetzung.
Wir Ehemaligen. All diese Fahnen in Grubanows Tempel. Auf seltsame Weise vereinigt dieser Abschied von gestern unser wiedervereinigtes Deutschland. J.D. Vance und Trump, Elon Musk und Putin als Trugbrecher. Es ist alles längst nicht mehr wahr, was wir in Deutschland glaubten zu sein und zu dürfen. Kaputte Straßen, Schulen, Brücken. Reformstau. Neue Kirchen, neue Polarisierungen, Brandmauern und die Staatsräson. Darüber verhärtet sich der moralische Diskurs, und zugleich werden andere Erfahrungen annehmbar und andere Blicke auf sich selbst möglich. Was Botho Strauß nach seinem «Bocksgesang»-Essay in der alten Bundesrepublik widerfuhr, die Ex-Kommunikation aus dem kulturellen Leitsystem, widerfuhr ostdeutschen Künstlern wie Neo Rauch oder Uwe Tellkamp nun auf ähnliche Weise durch die Empörung der Moralwächter eines erstarrten Systems. Ich bin kein Bewunderer des Künstlers Neo Rauch, kein Mitstreiter von Uwe Tellkamp, aber ich finde, ihre Meinungen sollen Platz haben in unserer Demokratie.
Wir gehen nun gemeinsam durch das Sterben nach dem Tod. Es verändert unsere Sichtweisen. 2026 bespielt mit Henrike Neumann zum ersten Mal eine ostdeutsche Künstlerin posthum den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig. Kunst aus der DDR wird von Museen wieder angekauft und in bestehende Sammlungen integriert. In Ost und West wird der Blick auf die DDR sachlicher, neugieriger und differenzierter. Der Umgang mit bildender Kunst aus der DDR wandelte sich von einer Altlast zu einem Schatz an Differenz, mit signifikanten Eigenarten und Qualitäten, genauso wie sie die Düsseldorfer oder Kölner Kunstszene besitzen. Dafür musste ein früheres Ego sich wandeln. Wie das der alten Bundesrepublik nach der Ohrfeige von J.D. Vance in München. Dieser Schock vereint uns. Reife beruht auf dem Erschrecken über sich selbst. Das schenken uns ohne Vorwurf nur die Toten und gute Freunde.