Shirin Sojitrawalla: Wie und wo verorten Sie Susanne Kennedy innerhalb der deutschen Theaterlandschaft?

Thomas Oberender: Susanne Kennedy ist für mich die bislang wichtigste Theaterregisseurin des digitalen Zeitalters. Ich sage das nicht, weil ihre Aufführungen durch Beamer, Soundsysteme oder eine Vorliebe für industrielle Kunststoff- und Medienprodukte geprägt sind. Sie interessiert sich zwar für Neue Medien, aber mehr noch für den neuen Modus, wie wir die Welt und uns selbst betrachten, den die neuen Technologien hervorbringen. Durch sie wird unser Verständnis vom Körper, Wirklichkeit oder Narration völlig verändert, hybrider. Diesen technologischen und spirituellen Übergang erforscht Susanne Kennedy seit vielen Jahren. Wie auch den Tod. Sie nutzt das Theater, um die Erfahrung von Sterblichkeit unter den Vorzeichen einer transhumanen Kultur neu zu betrachten. In diesem Sinne stehen ihre Aufführungen dem Theater Artauds näher als dem von Stanislawski, schaffen sie eher Raum und Ritual als Story und figürliche Einfühlung. Sie liebt das Alien im Menschen. 

Shirin Sojitrawalla: Wie charakterisieren/bewerten Sie ihren künstlerischen Werdegang, von Fegefeuer in Ingolstadt bis hin zu Coming Society?

Thomas Oberender: Susanne Kennedy hat sich als Regisseurin (und Autorin) von Anbeginn vom Raum zum Text und nicht umgekehrt bewegt. Sie wurde von einer Interpretationskünstlerin zu einer Autorenkünstlerin, die in den letzten Jahren vor allem eigene Kreationen entwickelt. Schon in ihren frühen Inszenierungen hat sie von der Bühne herüber den Saal anwesend gemacht, durch Blicke oder Geräusche und diese Trennung später durch begehbare Environments wie bei Medea oder Orfeo aufgelöst. Inszenierungen wie Suicide Sisters oder Women in Trouble haben auf der Bühne einen Schrein gebaut, um eine Sprache für den Übergang von einer Welt in die andere zu finden. Inszenatorisch führt das die Arbeiten von Susanne Kennedy weg vom betrachteten Ritual hin zum Angebot eines nicht mehr dramatischen, sondern kontemplativen, immersiven Verwandlungsraums. In ihrer jüngsten Arbeit «coming society» ist alles auf der Schwelle - die analogen Materialien auf der Bühne sind digital überformt, genauso die Leiblichkeit der Darsteller/Avatare, ihre aus Serien und Internettrash destillierten Situationen und Sätze. Ein Verwandlungsraum ist es aber auch im spirituellen Sinne, da sich die Ereignisse eher als Angebot einer Reise verstehen lassen - als Handreichung ans Publikum für die Erfahrung eines Übergangs, weil jeder technologische Wandel in seiner Pionierphase stets mit einem Traum von wahrer Begegnung, Auflösung und Transzendenz verbunden war. Insofern scheinen sich die Inszenierungen von Susanne Kennedy zur Schaffung von Landschaften zu tendieren. Ihr Werdegang weist in Richtung szenischer Ökologien, die nicht mehr dialektisch funktionieren, nicht mehr auf Konflikten beruhen, sondern das Theater als einen Ort der Wanderschaft verstehen, der Gleichzeitigkeit vieler Möglichkeiten von Recht und Dasein. Durch sie geht man allein.